Andeper Kirchstelle

Zur Geschichte der Kirchstelle Andepen

Höch über dem Aftetal rief einst die Glocke der St. Johannes Pfarrkirche die Christen aus dem Dorf Andepen zum Gebet und Gottesdienst. Als der fränkische Kaiser Karl der Große die heidnischen Sachsen dieses Raumes auf dem nahegelegenen Sintfeld 794 endgültig besiegte und damit das Christentum auch ins Aftetal trug entstand vermutlich gegen 1300 n. Chr. im Frühmittelalter die erste christliche Kirche auf Leiberger Boden, an die der Bildstock unter den jahrhundertealten Linden auf dem Nollenplatz erinnert.

Die Kirchstelle deren erste urkundlicheErwähnung mit Papst Eugen III. in das Jahr 1146 fällt lag weit außerhalb des Dorfes Andepen das überwiegend jenseits der Afte in einem kleinen Nebental (Empertal) angesiedelt war. Historikervermuten daß die Franken bei der Christianisierung dieses Raumes alte heidnische Kultstätten als Standorte für neue christliche Kirchen wählten um die besiegten Sachsen allmählich an den Christengott heranzuführen.So berichtet der Volksmund tatsächlich von einem Heidentempel an dieserStelle den die Sachsen von weither wie einen Wallfahrtsort aufsuchten.

Schon sehr bald trennte sichAndepen von der Pfarrei Hallinghausen an der Nette und erhob sich zur eigenständigen Pfarrei im neu gebildeten Bistum Paderborn. DerSt. Johannes-Pfarre Andepen wurde dasDorf Fornholte zwei Kilometer entferntim heutigen Leiberger Wald unterstellt. In Fornholte wurde lediglich eineKapelle gebaut. Im Pestjahr 1635 fanden in Fornholte etwa 400 Pesttote aus Leiberg ihre letzte Ruhe auf demPestfriedhof.

Knapp 600 Jahre blieb die PfarrkircheAndepen geistiger Mittelpunkt des kleinen Dorfes an der Afte und Olveke.

Für Andepen schlug gegen 1390/91 die dunkle Stunde: Raubritter besiegelten in der blutigen Bengeler Fehde das Schicksal von Dorf und Kirche von Andepen. Auch das Pfarrhaus in unmittelbarer Nähe der Pfarrkirche versank in Schutt und Asche. Wir wissen nicht um das Schicksal der geplagten Menschen beim Untergang der Dörfer Andepen und Fornholte: Betet für die armen Seelen.

100 Jahre später gründete Johann Graf von Westphalen auf dem Lehberg am 30. April 1490 das neue Dorf Leiberg. Erst nach dem großen Leiberger Brand 1726 siedelten auch auf dem alten Andeper Boden wieder Menschen an.

Ein Bildstock aus dem 17. Jahrhundert hält die Erinnerung an die alte Andeper Pfarrkirche wach: Sie schickt einen stillen Gruß zur St. Agatha-Pfarrkirche ins Dorf Leiberg. Aus dem Erlös der 500-Jahrfeier des Dorfes Leiberg (1990) sowie mit Unterstützung aller Leiberger Vereine haben fleißige Hände diese alte Kirch- und Kulturstätte im Jahre 1994 zur Ehre Gottes und im Gedenken der Vorfahren und historischen Ereignisse in unserem Dorf Leiberg würdevoll wiederhergerichtet.

Zur Geschichte der Pesttragödie von 1635 in Leiberg und das Schicksal des kleinen Dorfes Fornholte

Tränen, Trauer, Angst und Verzweifelung, aber auch Hoffen und Beten prägen diese Stelle. Fast ein gesamtes Dorf liegt in diesem eingezäunten Waldstück begraben. 400 Menschen aus dem nahegelegenen Dorf Leiberg wurden 1635 innerhalb weniger Monate von der Pestseuche hinweggerafft.

Der "Schwarze Tod" vernichtete in kürzester Zeit fast sämtliches Leben in Leiberg. Nur wenige überlebten.

Ein Mönch aus dem Raum Warburg soll 1635 während des 30jährigen Krieges (1618 -1648) die fürchterliche Krankheit ins Dorf Leiberg eingeschleppt haben. Die Seuche, der in jenen Kriegsjahren (mit mit Hungersnot, plündernden Soldatenhorden aus vielen fremden Ländern, Brandschatzungen und zerstörten Feldern) etliche tausend Menschen in Westfalen zum Opfer fielen, griff auch in den engen Gassen in Leiberg rasch um sich und hielt fürchterliche Ernte.

Weit außerhalb des Dorfes zimmerte ein Lubbert Schumaker im nahezu unbewohnten Tal die Särge für seine toten Mitbewohner und sargte 400 Menschen ein.

Eine Tragödie für Leiberg.

Der Wünnenberger Friedhof auf dem bisher die Verstorbenen aus der Tochterpfarre Leiberg (besaß keinen eigenen Friedhof) beerdigt wurden, vermochte die vielen Toten nicht aufzunehmen. Auch die Furcht vor Ansteckung und Übertragung dieser unheilbaren Krankheit machte die Suche nach einem besonderen Begräbnisplatz für die Leiberger Pesttoten erforderlich.

So erinnerten sich die leiberger in der Not jenes kleinen Dorfes Fornholte ("fern im Holz"), das Ende des 14. Jahrhunderts in den blutigen Wirren der Bengeler Fehde zur Raubritterzeit mit vielen anderen Dörfern unserer Umgebung wüstgefallen war.

Etwa drei Kilometer von Leiberg entfernt fanden die Pesttoten in geweihter Erde ihre letzte Ruhe. Immer wieder begleiteten trauernde, verzweifelte Angehörige ihre verstorbenen Lieben auf dem Todeskarren zu diesem Friedhof.

Betet für die armen Seelen!

Lubbert Schumaker, der auf dem heutigen Bartholomäusplatz in Leiberg unter der Linde die vielen Holzsärge zimmerte, stiftete später für diesen Pestfriedhof ein Steinkreuz. Das "Pestkreuz" bezeugt in Wort und Schrift die Pesttragödie von Leiberg.

Das Schreckensjahr 1635 mit angeblich nur sieben Überlebenden wirkt bis in die Gegenwart nach. Jährlich zu Pfingsten führt eine Prozession aus Leiberg zum Pestfriedhof nach Fornholte, um damit ein Gelübde der Urväter zu erfüllen, die in ihrer Verzweifelung ein Ende der todbringenden Pest bei unserem Herrgott erfleht hatten.

Auch die in Leiberg hochgeschätzte Bartholomäusverehrung wird mit dem Ende der Pest in Verbindung gebracht. der Bartholomäustag am 24. August (im Leiberger Plattdeutsch "Battelmai" genannt) gilt in Leiberg bis heute als lokaler Feiertag.

Das untergegangene Dorf Fornholte nahe einer Wallburg war entweder eine sächsische Kleinsiedlung oder aber eine fränkische Ansiedlung zur Zeit Karls des Großen (768 - 814), der zum Ausgang des achten Jahrhunderts nach Unterwerfung der heidnischen Sachsen 794 n. Chr. in der Schlacht auf dem nicht weit entfernten Sintfeld das Christentum in diesen Raum brachte.

Unser Dorf Fornholte erlebte seine Blütezeit im Früh- und Hochmittelalter mit der Ansiedlung mehrerer großer Höfe. So sind noch heute links und rechts des Waldweges, der zum Pestfriedhof führt, Reste eines Wölbeackersystems zu erkennen.

Auf dem podestähnlichen Hügel, auf dem heute das Holzkreuz steht, rief einst eine Kapelle die Christen aus Fornholte zum Gebet. Als Kapellenpatron gilt der Heilige Bartholomäus. So dürften die Wurzeln seiner traditionellen Verehrung in Leiberg über die Pestzeit hinaus bis ins Mittelalter führen. Fornholte bildete keine eigenständige Pfarrei, sondern war Filialpfarre der St.-Johannes-Gemeinde im Dorf Andepen, das als Vorläuferdorf in der Talaue des heutigen Leiberg mit Fornholte 1390/91 durch Friedrich von Padberg zerstört wurde. 100 Jahre später gründete Johan Graf von Westphalen 1490 das heutige Dorf Leiberg.

Die traurigen Ereignisse von 1635 in Leiberg und der kleine Pestfriedhof mit dem steinernen Pestkreuz auf dem Boden des zerstörten Fornholte rund um die ehemalige Bartholomäuskapelle mahnen die Lebenden und erinnern an die Vergänglichkeit unseres irdischen Lebens.

 

Wir bitten um ein stilles Gebet!

 

Leiberg, zu Pfingsten 1995

360 Jahre nach dem Pestjahr

Dr. Anton Rörig (1852 - 1915)

Aus der Dorfmühle zum Pionier und Märtyrer der Wissenschaft


Als "Krülleken-Anton", „Pülverken Tüns“ oder "Pillen-Tünnes" ist ein westfälisches Original weit über die Grenzen des Paderborner Landes bekannt geworden, das in Leiberg als Sohn eines Müllers das Licht der Welt erblickt: Anton Rörig wird im Dezember 1852 in der Leiberger Mühle geboren. Seine Mutter stirbt wenige Tage nach der Geburt ihres ersten Kindes. Er gilt als bedeutender Forscher auf dem Gebiet der Röntgenstrahlen, - und wird im Alter von 62 Jahren Opfer dieser Forschung. In Leiberg gerät der Name von Dr. Anton Rörig lange Jahre fast in Vergessenheit, während in Paderborn mit dem Dr.-Rörig-Damm gar eine Straße nach dem großen Mediziner aus der Leiberger Mühle benannt worden ist. Heute erinnert auch in Leiberg der Dr.-Rörig-Weg seit 1996 an diesen außergewöhnlichen Menschen. Mindestens ebenso bekannt wie seine Medizinerkunst ist seine urwüchsige, derbe, westfälische Natur. Zahlreiche Anekdotensammlungen ranken sich um die Person Dr. Anton Rörig, der zeitlebens die plattdeutsche Sprache pflegt.

In Leiberg war Anton Rörig - ein Enkel jenes früheren Ortsbeamten Anton Rörig, der 1837 mit der Niederschrift der Leiberger Chronik begann - nur als "Müllers Doktor" bekannt. Der Müllersohn studiert Medizin in Münster und Bonn, promoviert und läßt sich in Paderborn am Kamp als Homöopath nieder. Allerdings können erst Lehrer und Pastor seinen Vater bewegen, den hochbegabten 16-Jährigen zwei Jahre nach Entlassung aus der Volksschule zur Weiterbildung an ein Gymnasium zu schicken. Zuvor arbeitet Anton Rörig zwei Jahre als Müllersbursche in der väterlichen Mühle. Sein gleichnamiger Vater hätte lieber gesehen, daß sein einziger Sohn die Familientradition der Mühle weiterführt.

Im Jahre 1895 entdeckt Wilhelm Conrad Röntgen in Würzburg jene Strahlen, die heute als Röntgenstrahlen bekannt sind: Sie erwecken bei Dr. Anton Rörig eine Forscherleidenschaft, die er später mit dem Leben bezahlt. Oft hören ihn seine Patienten klagen: „Dey Menske is en taugebunnener Sack, wey künnt auk nich rinkeyken“ („der Mensch ist ein zugebundener Sack, wir können auch nicht hineinsehen“). Mit der Entdeckung der Röntgenstrahlen erahnt der weithin bekannte Arzt jedoch eine Möglichkeit, einen schmerzlosen Blick in das Innere des Menschen zu gewinnen und Kranken damit helfen zu können. So schafft Dr. Rörig als erster Mediziner im Paderborner Land und vielleicht auch in Westfalen in seiner Praxis eine Röntgenanlage an. Seine Röntgenaufnahmen sind so exakt, daß sie bei den Fachleuten der Radiologie in Berlin Aufsehen erregen. Im Gartenhaus installiert Dr. Rörig einen Gasmotor, um Strom für seine Röntgenanlagen zu erzeugen (die Stadt Paderborn hatte ihm 1896 eine elektrische Zuleitung verwehrt, so daß der Arzt selbst Strom erzeugen muß).

Dr. Anton Rörig genießt im weiten Paderborner Land einen einzigartigen Ruf. Unbestätigten Meldungen zufolge soll sich selbst der letzte russische Zar Nikolaus 11. - inkognito - in die medizinische Betreuung des Leiberger Dorfmüllersohns begeben haben. Eines erkennt Dr. Rörig allerdings nicht: Die Gefährlichkeit der Röntgenstrahlung. Schmerzen, die sich zuerst im rechten Daumen bemerkbar machen, greifen auf den rechten Arm und schließlich auf den ganzen Körper über. Dr. Rörig ist an den Röntgenstrahlen innerlich verbrannt. Er stirbt am 9. März 1915.

Erst 44 Jahre nach seinem Tod wird dem Leiberger posthum durch einen Beschluß des Internationalen Kongresses für Radiologen in München 1959 eine außerordentliche Ehrung zuteil: Der Name des an den Folgen seiner Forschertätigkeit auf Röntgenologischem Gebiet verstorbenen Arztes wird auf Initiative Paderborner Heimatfreunde auf dem Gedenkstein für Röntgenopfer auf dem Gelände des Allgemeinen Krankenhauses St. Georg in Hamburg eingemeißelt. Gleichzeitig erscheint sein Name im "Ehrenbuch der Röntgenologen aller Nationen" .

Diese hohen Ehren sind dem Leiberger Mediziner allerdings nicht allein zugekommen: Auch sein treuer Weggefährte, Diener, Laborant und Kutscher Heinrich Sprenger ist in dieser Ehrenliste und auf dem Gedenkstein der „Röntgenmärtyrer“ verzeichnet. Heinrich Sprenger wird am 7. Dezember 1861 ebenfalls in Leiberg geboren und stammt aus „Kaisers Haus“ in einstiger Nachbarschaft der Leiberger Mühle. Als Kutscher und Diener begleitet sein "Famulus" Hinnerk Anton Rörig nach Paderborn und wird in der Domstadt Laborant. Im Paderborner Stadtarchiv ist nachzulesen, daß Heinrich Sprenger in Leiberg zunächst die heimatliche Volksschule besucht, um anschließend als Landwirt auf dem elterlichen Hof tätig zu sein. In den 80er Jahren des 19. Jahrhunderts ist Sprenger drei Jahre Soldat bei der Garde: Später tritt Sprenger als Kutscher und Laborant in den Dienst von Dr. Anton Rörig in Paderborn. Zu seinen Tätigkeiten gehört auch die Hilfe bei Röntgendurchleuchtungen und Aufnahmen: Dies soll auch dem treuen Helfer (ebenso wie seinem Meister) zum Verhängnis werden. Auch Sprenger stirbt 1922 an Krebs infolge der Röntgenverbrennungen. Schutzvorrichtungen wie in heutiger Zeit gab es eben noch nicht. Im Röntgenmuseum stehen er und Dr. Rörig auf der Ehrentafel.

Dr. Anton Rörig und Heinrich Sprenger: Die beiden Leiberger gelten noch heute in Paderborn als Originale. Rörig duzte alle Patienten und sprach nur plattdeutsch. Viele Anekdoten sind schriftlich und mündlich über ihn im Umlauf. Seine flinken und rassigen Pferde und die alte Kutsche waren in der Stadt und im Umkreis bekannt. Im ausdrucksvollen Leiberger Platt sagte er allen Patienten derb und oft ungeschminkt die Wahrheit. Besonders bei "eingebildeten Vornehmen" konnte der Doktor aus Leiberg durchaus rabiat werden. Doch bei aller Roheit und Grobheit galt "Müllers Doktor" als Wohltäter der Menschheit, der die Sprache des einfachen Volkes sprach, - und verstand. Nicht zufällig ziert sein Grabmal auf dem Paderborner Ostfriedhof das Bild des Heiligen Martins, der den Mantel teilt.

Leiberg, im Frühjahr 1998

Zur Geschichte des Leiberger „Bruchs“

Die fruchtbare Talaue der Afte und Olveke ermutigte schon den germanischen Volksstamm der Marsen und nach der Völkerwanderung die sächsischen Engern, sich mit ihren Familien und Sippenverbänden in Gehöftgruppen oder einer Kleinsiedlung auf dem trinkwasserreichen Boden am Fuße des „Lehbergs“ im Haupt- und Nebental (Empertal) niederzulassen. Spätestens für das neunte Jahrhundert ist in der Talaue das sächsische Dorf Andepen bezeugt, das zur Zeit Karls des Großen (768 - 814) christianisiert wird. Doch dieses Dorf mit Mühle, Brücke und eigener Pfarrkirche ereilt 1390 oder 1391 wie so viele Orte rund um das Sintfeld ein furchtbares Schicksal: Mehr als 28 Raubritter um ihren Anführer Friedrich von Padberg schließen sich im Kampf gegen den Paderborner Fürstbischof zum gefürchteten „Bengelerbund“ zusammen und vernichten mordend, plündernd und brandschatzend blühende Landstriche. Auch Andepen wird nach jahrhundertelanger Geschichte vollends zerstört.

Etwa 100 Jahre später wagen die Grafen von Westphalen eine Neugründung: Mit Urkunde vom 30. April 1490 besiedelt Johann Graf von Westphalen die Hochebene des „Leyberchs“ und gründet unser Dorf Leiberg. Nach den bösen Erfahrungen der blutigen Ereignisse Ende des 14. Jahrhunderts bleibt vorerst die Talaue weitgehend unbesiedelt: Allenfalls ein oder mehrere Mühlräder mahlen das Getreide der Leiberger Bauern. Möglicherweise riskieren auch einige Einzelhöfe eine Niederlassung auf altem Andeper Boden, doch der neue dörfliche Siedlungsschwerpunkt liegt „hoch oben auf dem Berg“.

Im Leiberger Schreckensjahr 1635 mit 400 Pesttoten wird die Talaue erneut zum traurigen Schauplatz einer großen Tragödie: Unter der Linde (Pestlinde) auf dem heutigen Bartholomäus-Platz zimmert Lubbert Schumaker die Särge für die Opfer des „Schwarzen Todes“. Wegen der großen Ansteckungsgefahr sargen die verzweifelten Leiberger ihre Pesttoten weitab des Dorfkerns ein, um sie anschließend auf dem Totenkarren zum Pestfriedhof in das ehemals mittelalterliche Dorf Fornholte (zusammen mit Andepen wüstgefallen) im Leiberger Hochwald zur letzten Ruhestätte zu begleiten.

Am 6. Mai 1726 sucht erneut ein großes Unglück das Dorf Leiberg heim: Ein Großbrand äschert nahezu den gesamten Ort ein. In den engen Gassen findet das Feuer nach einem Blitzeinschlag in den frühen Abendstunden reiche Nahrung: Auch die kleine Johannes-Kapelle (1703 gebaut) übersteht die Feuersbrunst nicht. Der mächtige Paderborner Fürstbischof Clemens August von Bayern (1719 - 1761), der auch Erzbischof von Köln sowie Bischof von Hildesheim, Münster und Osnabrück ist und 1732 Hoch- und Deutschmeister des Deutschen Ordens wird, nimmt den Leiberger Großbrand zum Anlaß, um eine Wiederbesiedelung der Talaue im „Bruch“ auf dem „Platz oben und unten der Mühlen“ per Staatsbefehl anzuordnen.

So schlägt mit der fürstbischöflichen Verfügung vom 16. Juli 1726 die Geburtsstunde des Leiberger „Bruchs“, das mit dem Wittelsbacher Clemens August von Bayern, ein Bruder des späteren Kaisers Karls VII., einen berühmten Geburtshelfer findet. 20 Familien geben alsdann ihre Hofstelle im ausgebrannten Dorfkern auf und siedeln talwärts ins „Bruch“ hinab. Die Bauernfamilien ziehen entweder freiwillig oder nach Losentscheid in den neuen Leiberger Siedlungsbereich. Dabei gilt vielfach auch das Prinzip, daß die jüngeren Hofstellen den älteren weichen müssen. Diese 20 Familien gehören zu den Gründern des Leiberger Bruchs: Friedrich Lünemann, Wilm Scheiffers, Astmon Stuck, Steffen Laudagen, Johan Henrich Müllers, Adam Hoetkers, Lubbert Höetkers, Thomaß Happen, Witwe Herman Nöleken, Witwe Henrich Schmidts, Johan Henrich Füser, Stoffel Füser, Thönniß Meyer, Jost Dierich Knaup, Johan Thonieß Grewen, Johan Hillebrandt, Johan Jürgen Dickman, Grolmuß Briler, Menolff Köllers und Berndt Köller.

Zwei Schicksale dieser 20 Familien bewegen die Menschen jener Tage im besonderen Maße. So muß sich Friedrich Lünemann als Leiberger Steuereintreiber in der bischöflichen Kanzlei in Schloß Neuhaus dem bösen Verdacht der Steuerhinterziehung widersetzen, weil die Behörden seinen Beteuerungen, die vor dem Feuerausbruch eingesammelte Leiberger Steuerschuld für zwei Jahre (30 Taler) sei verbrannt, zunächst nicht glauben. Erst als sich auch der Drost und der Rentmeister von Wünnenberg für Lünemann und Leiberg verwenden, bleibt dem verarmten Dorf eine erneute Steuerzahlung erspart. Großzügig zeigt sich Junggeselle Johan Henrich Füser, der nach seinem Tod 1730 der Gemeinde für den Bau einer neuen Kapelle 100 Taler vermacht.

In den folgenden Generationen wachsen die beiden Siedlungen „Dorf“ und „Bruch“ siedlungspolitisch zusammen. An der Nahtstelle finden die Verstorbenen des Dorfes Leiberg auf dem 1827 bewilligten Friedhof ihre letzte Ruhe. Ursprüngliche Pläne, in Friedhofsnähe auch die neue Pfarrkirche zu bauen, werden zugunsten des heutigen Standortes verworfen.

Erst in der Neuzeit des 20. Jahrhunderts greift die Siedlungsbewegung im „Bruch“ auch auf die Südseite der Afte am „Försterberg“ über. Nach dem II. Weltkrieg (1939 - 1945) finden am Försterberg viele heimatvertriebene Menschen aus den deutschen Ostgebieten eine neue Bleibe. Seit 1975 entsteht am Nollen nahe der ehemaligen Andeper Kirchstelle eine Blockhaussiedlung. Auf dem Boden des mittelalterlichen Dorfes Andepen setzt im Empertal in 1984 eine rege Bautätigkeit zur Anlage einer neuen Wohnsiedlung ein.

Das „Bruch“ ist für Leiberg das „Tor zur Welt“, weil jahrhundertelang die wichtigsten Verkehrsachsen durch die Talaue führen. Die „alte Chaussee“ (1833 gebaut) und die heutige Talstraße (1859/60) verbinden Büren und Marsberg. Bis Ende 1920 verkehren Postkutschen zur Personenbeförderung durch das Aftetal mit einem Leiberger Haltepunkt im Bruch, bevor am 1. Januar 1921 der Kraftwagen-Personenverkehr das Postkutschen-Zeitalter in Leiberg beendet. Der 1913 geplante Bau einer Eisenbahnstrecke Büren-Marsberg mit einem kleinen Bahnhof im Leiberger Bruch scheitert am Ausbruch des I. Weltkrieges. Auch moderne Technologien wurzeln im Bruch: So erblickt der bekannte deutsche Röntgenforscher Dr. Anton Rörig Heiligabend 1852 in der Leiberger Mühle das Licht der Welt, _ und der Bau des Transformatorenhäuschens nahe der Aftebrücke leitet 1922 das Stromzeitalter in Leiberg ein.

Gott segne Leiberg, Gott segne das „Bruch“!

Leiberg, im Frühjahr 1997

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Zur Geschichte der Pfarrei Leiberg

Mit Frankenkönig und Kaiser Karl dem Großen (768 - 814) und der Einbindung der unterworfenen Sachsen ins fränkische Reich erreicht der christliche Glaube auch das Aftetal. In der einst sächsischen Kleinsiedlung Andepen auf dem Boden des heutigen Leiberger "Bruchs" in der Talaue soll eine heidnische Kultstätte am Berghang über dem Aftetal frühestens 800 nach Christi einer christlichen Kirche gewichen sein. Spätestens mit dem Paderborner Bischof Meinwerk (1009 - 1036) dürfte die christliche Gemeinde Andepen, die zuvor zum Sprengel Hallinghausen gehörte, mit dem Aufstieg des Klosters Abdinghof zur eigenständigen Pfarrei erhoben worden sein: Ihr wird auch der kleine Ort Fornholte zugeordnet. Ein Kirchengebäude in Andepen ist allerdings erst in einer Bestätigungsurkunde zu Gunsten des Klosters Abdinghof vom 7. Mai 1146 ("andepo cum ecclesia") erstmals bezeugt. Die Andeper Kirche wird dem Patronat des Heiligen Johannes des Täufers zugeschrieben.

Die vollständige Zerstörung der Siedlung Andepen während der mittelalterlichen Wüstungsvorgänge in verheerenden Raubritterfehden, die hierzulande in der "Bengeler Fehde" blutige Höhepunkte finden, besiegelt etwa 1390/91 auch das traurige Schicksal der Kirche von Andepen samt Pfarrhaus auf dem "Nollen": Nur weithin sichtbare Ruinen halten noch Jahrzehnte die Erinnerung an die einstige Andeper Kirchenherrlichkeit wach.

Mit der Neugründung des Dorfes Leiberg 1490 durch Johann Graf von Westphalen ist zunächst noch kein Neubau einer Kirche verbunden. Der kleine Ort wird der benachbarten Pfarrei Wünnenberg angegliedert. Glaubenskämpfe und -wirren wie Reformation und Gegenreformation mit erheblichen Turbulenzen im katholischen Paderborner Land bieten kein gutes politisches Klima für eine junge Kirchengemeinde auf dem Weg in die Eigenständigkeit. Der 30-jährige Krieg mit einer für Leiberg verlustreichen Pestepidemie (1635) mit angeblich 400 Opfern lähmt und erstickt zunächst jegliche Hoffnungen wenigstens auf den Bau einer Kapelle. So treten Leiberger Gläubige jahrhundertelang den weiten Weg zum Kirchgang nach Wünnenberg an.

Das Ende der qualvollen Pesttragödie, in der sicherlich auch die Fürsprache des Heiligen Rochus als Schutzpatron gegen Pestausbruch erbeten wird, bringen Überlebende und Nachkommen mit dem Heiligen Bartholomäus in Verbindung, der auch Kapellenpatron der mit Andepen wüstgefallenen Ansiedlung Fornholte (heute Pestfriedhof) gewesen sein dürfte. Die Bartholomäus-Verehrung mit einstiger Armenspeisung am 24. August steht bis zur Gegenwart in Leiberg in hoher Blüte.

Der erste Bau einer vermutlich hölzernen Kapelle in Leiberg nahe der heutigen Pfarrkirche fällt ins Jahr 1703. Den Altar weiht Abt Gregor von Abdinghof am 24. Juni 1703 dem Heiligen Johannes und lässt damit Beziehungen zum alten Andepen aufleben. Die Zugehörigkeit zur Mutterpfarrei Wünnenberg bleibt unberührt. Auch Ansätze einer allgemeinen Schulpflicht im Fürstbistum Paderborn könnten zum Bau dieser Kapelle geführt haben, um in ihr die Dorfjugend in Religion zu unterweisen.

Die bescheidene Kapelle fällt schon am 6. Mai 1726 beim Leiberger Großbrand in Schutt und Asche. Doch bereits sieben Jahre später ruft nach dem Wiederaufbau des Dorfes und einer Siedlung in der Talaue (Bruch) eine neue Kapelle aus Stein an gleicher Stätte zum Gebet. Nach dem verheerenden Brand von 1726 erfolgt in Leiberg ein Patronatswechsel: Die neue Kapelle ist der Heiligen Agatha, Schutzpatronin auch gegen Feuersbrünste, geweiht.

Das Fürstbistum Paderborn kommt nach dem Tod des Lehrers Engelbert Gröne (1734), der die dörfliche Schuljugend in seinem Privathaus in der "Schulstube" unterrichtet, der Bitte der Gemeinde Leiberg auf Errichtung einer Schulvikarie nach. Zum 18. März 1740 wird Leiberg zur Vikarie erhoben, in der fortan bis zum preußischen Kulturkampf 1877 Schulvikare Seelsorge und Schulunterweisung verbinden. Als erster Leiberger Schulvikar darf Ferdinand Middendorf (1740 - 1752) an Sonn- und Feiertagen außerhalb der Hochfeste in der Kapelle Gottesdienste feiern und Andachten lesen. Weite Kirchwege nach Wünnenberg bleiben den Gläubigen aus Leiberg weitestgehend erspart. Seit Januar 1828 werden Verstorbene aus Leiberg auf einem eigenen Friedhof im Heimatort bestattet. Zuvor wurden sie in Wünnenberg beigesetzt.

Etwa 125 Jahre lang versucht Leiberg (erstmals 1795) mehrfach, eine Trennung von der Wünnenberger Pfarrherrlichkeit herbeizuführen. Die Errichtung einer eigenständigen St.-Agatha-Pfarrei scheitert zunächst wiederholt an wirtschaftlichen Fragen oder an der politischen Großwetterlage, aber auch am Widerstand aus Wünnenberg: Leiberg muss weiterhin ein Drittel aller Pfarrkosten in Wünnenberg bezahlen.

Auch der Bau der heutigen Pfarrkirche von 1864 bis 1868, die "Bekennerbischof" Konrad Martin am 30. April 1868 konsekriert, führt nicht sofort zur ersehnten Abpfarrung von Wünnenberg. Letztlich verhindern auch Auswirkungen des Kulturkampfes die Eigenständigkeit: Die politische Gemeinde muss fortan auch weltliche Lehrer besolden, so dass die Finanzkraft nach dem Bau der neuen Kirche, einer Vikarie (1855) und einer Schule (1888) nahezu erschöpft scheint.

Die heutige Pfarrkirche im neugotischen Stil kölnischer Prägung wird wie etliche Kirchen im Bistum Paderborn nach den Plänen des Paderborner Diözesan-Architekten Arnold Güldenpfennig (1830 - 1908) mit Materialien, die überwiegend in Leiberg "gebrochen" werden, gebaut. Das neue Gotteshaus besteht aus einer dreijochigen Halle mit Kreuzrippenwölbung und einem Turm. Das Kirchenschiff mündet im Altarraum in ein schmales Chorjoch mit Fünf-Achtel Chorschluss. Eigenleistung, Spenden, Kredite und auch Haussammlungen in Westfalen bringen die Kosten von rund 20 000 Talern auf. Eine Erweiterung der offenbar baufälligen Kapelle von 1733 hatten die Gemeindeväter ebenso wie einen neuen Kirchen-Standort nahe des heutigen Friedhofes an der Nahtstelle zwischen den Siedlungskernen "Dorf und Bruch" verworfen. Zwei Häuser weichen dem neuen Kirchenhaus, das zum Wahrzeichen von Leiberg geworden ist. Die alte Kapelle wird 1866 abgerissen.

Seit Errichtung der Vikarie (1740) haben 24 Vikare in Leiberg als Seelsorger und viele Jahre auch als Schulmeister gewirkt. Der letzte Vikar vor Erhebung zur Pfarrei ist Bernhard Jürgens (1910 - 1958), dem nach jahrelangen Verhandlungen zum 1. September 1921 die Trennung von der Mutterpfarrei Wünnenberg gelingt. Priestermangel im Erzbistum Paderborn führt zur Bildung von Pastoralverbünden: Leiberg bleibt eine eigenständige Pfarrgemeinde, wird zum 1. Januar 2002 aber dem Pastoralverbund Wünnenberg zugeordnet.

Mit dem Bau eines neuen Pfarrhauses (1977) und Pfarrheimes (1984 eröffnet) sowie einem 1989/90 neu gestaltetem Kirchplatz bietet Leiberg im Ortskern ein kirchliches Zentrum, das dem Gemeindeleben einen breiten Gestaltungsraum ermöglicht.

Heute rufen in der mehrfach renovierten St. Agatha-Pfarrkirche die Johannes-Glocke, Bartholomäus-Glocke und Agatha-Glocke zum Gebet. Diese drei Glocken verbinden mit vertrauten Klängen eine bewegte Geschichte aus Andepen, Fornholte und dem neuzeitlichen Leiberg.

Gott segne Leiberg!                                          

Leiberg, im Frühjahr 2002

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Zur Geschichte des Dorfes Leiberg

Das Dorf Leiberg gehört zu den geschichtlich jüngeren Dörfern im Paderborner Land. Ende des 15. Jahrhunderts richten die Grafen von Westphalen ihr Augenmerk auf die offenbar bewaldeten Höhenlagen des "Leyberch" und beschließen eine Neuansiedlung, nachdem rund 100 Jahre zuvor in der Talaue das mittelalterliche Dorf Andepen den Wüstungsvorgängen im Sintfeld zum Opfer gefallen war. Eine Urkunde vom 30. April 1490 erlaubt Johann Graf von Westphalen den Aufbau des Dorfes Leiberg, das seinen Namen dem "Kücke-lei-berg" verdankt, der in exponierter Lage einen guten Blick ins Land bietet. Der Ortsgründer zieht sich allerdings schon wenige Jahre nach Unterzeichnung der Gründungsurkunde ins Klosterleben zurück.

Die Grafen von Westphalen statten aus wirtschaftlichen Erwägungen Neuansiedler vergleichsweise großzügig mit Rechten und Pflichten aus, um nach dem Zusammenbruch etlicher Dörfer im ausgehenden Mittelalter überhaupt Menschen zu Beginn der Neuzeit für die entvölkerten Gegenden zu gewinnen. Erste Siedler in Leiberg dürften auch Nachfahren der alten Andeper gewesen sein, die von der mit Wehrmauern und -türmen gesicherten Stadt Wünnenberg aus Felder und Äcker einschließlich einer Mühle im Tal im heutigen Leiberg bewirtschaftet hatten. Der Urkern des neuen Dorfes Leiberg ist im Bereich der heutigen Bartholomäus-Schule und eben am "Kückelberg" anzunehmen. Von dort weitet sich das Dorf Zug um Zug in Richtung Hochfläche, aber auch über neue Siedlungen (Katthagen) nach Osten aus. Die Talaue wird zunächst gemieden.

Aus dem Leiberger Schicksalsjahr 1635 berichtet ein Seuchenkreuz auf dem Pestfriedhof von 400 Toten in Leiberg, die der Epidemie zum Opfer fallen. Die Toten werden aus Furcht vor Ansteckung fernab der dörflichen Siedlung im Tal von Lubbert Schumacher, der später ein Pestkreuz stiftet, eingesargt: Sie finden in Fornholte auf einem Sonderfriedhof ihre letzte Ruhe. Leiberg gehört damals zur Kirchengemeinde Wünnenberg: Gleichwohl mag der Pfarrfriedhof von Wünnenberg die Seuchenopfer aus dem Filialort Leiberg nicht aufnehmen.

Bischöfliche Steuerlisten zeigen, dass sich die Leiberger Bevölkerung bis 1700 von dieser Katastrophe erholt und zum Jahrhundertwechsel mehr als 500 Bewohner zählt. Der Aufschwung bleibt auch dem Bischof nicht verborgen: Er beansprucht das einst an die Grafen von Westphalen verpfändete Gebiet zurück. Nach langen Auseinandersetzungen werden Bewohner in Leiberg in einem Vergleich von 1656 sowohl gegenüber den Westphälingen als auch gegenüber dem bischöflichen Landesherrn abgabenpflichtig.

Ein Großband vom 6. Mai 1726, der mehr als 60 Häuser und die erste Leiberger Kapelle (aus 1703) einäschert, verändert grundlegend die Siedlungspolitik. Auf Staatsbefehl von Fürstbischof Clemens August wird beim Neuaufbau des Ortes auch die Talaue im Bruch in Beschlag genommen. Fortan prägen zwei Siedlungsschwerpunkte mit mehreren Siedlungen bis zur Neuzeit das Dorf Leiberg.

Seit 1740 vereint ein Schulvikar in der neu errichteten Vikarie Leiberg Seelsorger und Lehrer in einer Person. Erst der preußische "Kulturkampf" führt in Leiberg 1877 zur personellen Trennung von Schulmeister und Priester. Die Gemeinde baut 1888 am heutigen Schulstandort eine neue Schule und ersetzt damit ihr erstes Schulgebäude aus 1818.

Zum "Jahrhundertwerk" gedeiht der vierjährige Bau (1864 bis 1868) einer neugotischen Kirche im Ortszentrum, die eine baufällige Kapelle aus 1733 ersetzt. 20 000 Taler bringen Leiberger in schwierigen Zeiten durch Haussammlungen in Westfalen, Spenden und Kredite auf. Der Gemeinschaftsbau des Gotteshauses wird in vielen tausend Stunden Hand- und Spanndiensten gemeistert. Das Baumaterial gewinnt die Bevölkerung zum größten Teil aus heimischen Steinbrüchen. Auch der Hochaltar stammt aus örtlichem Sandstein. Das neue Gotteshaus wird allerdings erst 1921 nach der Abpfarrung von Wünnenberg zur Leiberger Pfarrkirche erhoben.

Der Reichsdeputations-Hauptschluss 1803 beendet auch in Leiberg den fürstbischöflichen Hochstifts-Staat und leitet den Wechsel zur preußischen Krone ein. Der preußisch-französiche Krieg, die "Franzosenzeit" und die Freiheitskriege gegen Napoleon führen in Leiberg zu Plünderungen durch Kosaken-Regimenter, Hungersnöten und einer kaum vorstellbaren Verelendung: Massive Kriegskontributionen sind je nach Kriegsverlauf mal an diese, mal an jene Seite zu leisten. Die Getreidepreise erreichen astronomische Höhen. Die Notzeit um 1816/17 erinnert an erbärmliche Zustände im siebenjährigen Krieg (1756 - 1763) und im 30-jährigen Krieg (1618 - 1648).

Nach der Verbannung Napoleons und der Rückkehr der Preußen berührt die Revolution von 1848 auch unser kleines Dorf Leiberg: Hier geht es jedoch weniger um den deutschen Nationalstaat, sondern vielmehr um lokale Hude- und Holzrechte, die der modernen preußischen Forstwirtschaft ein Dorn im Auge sind. In der Nacht zum 29. März 1848 werden in königlichen Waldungen am Nollen und Westrode 28000 junge Eichen abgeholzt. Die preußische Justiz verhängt Zuchthausstrafen und verlangt 887 Reichstaler Schadenersatz. Die Holzrechte werden in Leiberg schon zur Preußen-Zeit 1861 vollends abgelöst. Die Huderechte münden in ein so genanntes "Leiberger Gliedervermögen", das wiederum nach jahrelangen Prozessen 1992 mit einer Entschädigung von 2500 Mark pro anspruchsberechtigte "Herdstelle" aufgelöst wird und in kommunalen Besitz wandert.

Im 20. Jahrhundert hinterlassen zwei Weltkriege auch in Leiberg traurige Spuren. 36 Männer kehren aus dem I. Weltkrieg (1914 - 1918) nicht heim. An 87 Gefallene und Vermisste aus dem II. Weltkrieg (1939 - 1945) erinnert das Leiberger Ehrenmal nahe dem Friedhof. Nach dem zweiten Weltkrieg finden viele Vertriebene und Flüchtlinge aus einst ostdeutschen Gebieten in Leiberg besonders im Neubaugebiet am Försterberg eine neue Heimat in der Bundesrepublik Deutschland.

Zum 1. Januar 1975 verliert die politische Gemeinde ihre Eigenständigkeit und wird in das Stadtgebiet Wünnenberg einverleibt. Erster Bürgermeister der neuen Stadt Wünnenberg wird Fritz Dören (1975 - 1994) aus Leiberg.

Priestermangel im ausgehenden 20. Jahrhundert führt im Erzbistum Paderborn zur Bildung von Pastoralverbünden: Leiberg bleibt eine eigenständige Pfarrgemeinde, wird aber zum 1. Januar 2002 nach einem Dekret von Erzbischof Johannes Joachim Kardinal Degenhardt dem Pastoralverbund Wünnenberg zugeordnet. Die Rechte der seit 1921 eigenständigen Kirchengemeinde bleiben von dieser Verbundslösung unberührt.

Besondere Festtage begeht Leiberg am 19. Januar 1922, als im großen Stil die Abpfarrung von Wünnenberg gefeiert wird. Unvergessen bleiben auch das Festwochenende um den 15. Juli 1990 zum 500-jährigen Bestehen des Ortes oder die Feiern zum 275-jährigen Bestehen des Bruches am 24. August 2001. Höhepunkte sind zudem die Ausrichtung der Kreisschützenfeste in 1979 und 2002. Alle Großveranstaltung werden in schöner Gemeinschaftsleistung unseres Dorfes Leiberg vorbereitet und durchgeführt.

Gott segne Leiberg!

Leiberg im Sommer 2002

Eiserne Bücher

Unsere Vorfahren in Leiberg kannten weder Videokameras noch Fotoapparate, um aufregende Szenen wie die  Schlachten der Raubritter, die Trauerzüge der  Pestgeplagten, den Aufstand der Sachsen gegen Karl den Großen oder die fürchterliche Brandnacht mit Einäscherung nahezu des gesamten Dorfes oder die Geburtsstätte von Dr. Anton Rörig in Bildern für die Nachwelt festzuhalten.

Dennoch bemüht sich der Heimat- und Verkehrsverein Leiberg, die Geschichte an ihren Originalschauplätzen  für die Nachwelt lebendig zu halten. In mittlerweile sechs "Eisernen Büchern" lesen die Gäste an historischen Stätten in Leiberg, was vor vielen hundert Jahren geschah. Und so erwachen beim Blättern der wetterfesten Metallseiten, die an schönen Findlingen befestigt sind, die dramatischen Ereignisse längst vergangener Tage vor dem geistigen Auge zu bunten Bildern.

Die "Eisernen Bücher" berichten von der Pesttragödie und ihren  400 Toten sowie jenem geheimnisumwitterten Bettelmönch, der den "Schwarzen Tod" ins Dorf brachte. Oder sie rufen jenen Staatsbefehl in Erinnerung, mit dem ein kurfürstlicher Bischof die Besiedlung der Talaue nach einem Flammeninferno anordnete.

Und auch das kleine verschollene Dorf Andepen, dem Raubritter einst ein blutiges Ende bereiteten, erwacht an einer  mittelalterlichen Kirchstätte  zu neuem Leben. Ebenso werden Christianisierung und Kirchengeschichte sowie die Neugründung des Dorfes durch die Grafen von Westphalen (1490) in Erinnerung gehalten.

Die Bücher wissen von einem mutigen und zugleich kauzigen Leiberger Müllersohn, der als berühmter Paderborner Landarzt den letzten russischen Zaren heilte, selbst aber ein Opfer seiner Forscherleidenschaft wurde.

alle Texte: Karl Pickhardt